Symptom
Das dominierende Mantra im Arbeitsalltag lautet stets, dass diese spezielle Aufgabe nicht der eigene Job sei. Jeder Mitarbeiter optimiert ausschliesslich seine eigenen Kennzahlen, seine eigenen Tickets und seinen eigenen pünktlichen Feierabend. Wenn ein Kollege fachlich oder zeitlich ertrinkt, wird nicht geholfen, es sei denn, es bringt einen unmittelbaren persönlichen Vorteil. Es gibt absolut kein übergreifendes Wir-Gefühl, keine gemeinsame Vision und keine tiefere Identifikation mit dem Endprodukt.
Ursache
Die unbewusste Botschaft
Das Team drückt eine totale Entfremdung und tiefe emotionale Bindungslosigkeit aus. Die unbewusste Botschaft lautet: Ich bin hier völlig allein auf mich gestellt. Dieses Unternehmen schert sich nicht um mich als Mensch, also schere ich mich auch nicht um das grosse Ganze. Ich sichere nur mein eigenes Überleben und presse maximalen Nutzen aus der Situation. Es ist das schmerzhaft verdrängte, tiefe Bedürfnis nach echter, stützender Gemeinschaft.
Intervention
Die Lernaufgabe
Das System zwingt zur radikalen architektonischen Neugestaltung von Abhängigkeiten. Das vernachlässigte Prinzip der systemischen Interdependenz, also der gegenseitigen Abhängigkeit, des echten kollektiven Opfers und der gemeinsamen Bestimmung muss zwingend bewusst gelernt werden. Das Individuum muss begreifen lernen, dass das Überleben des Ganzen die absolute Grundvoraussetzung für das eigene Gedeihen ist.
Intervention / Integration
Die Auflösung der Söldner-Mentalität und der tiefen emotionalen Entfremdung gelingt absolut nicht durch bunte Leitbild-Poster oder naive Appelle an die Kollegialität, um das verdrängte Bedürfnis nach Gemeinschaft oberflächlich zu stillen. Der therapeutische Hebel setzt knallhart bei der Architektur der Arbeit und der Incentivierung an. Solange das System isolierte Individualziele belohnt, wird es zwingend Egoisten züchten. Die Führungskraft muss alle individuellen Boni und isolierten Leistungsbewertungen sofort und ersatzlos streichen. Zur Integration des ausgeblendeten Prinzips der systemischen Interdependenz wird Erfolg fortan als rein binäres, kollektives Konzept etabliert: Wir gewinnen als Team gemeinsam, oder wir scheitern als Team gemeinsam. Die Führungskraft schneidet die anstehenden Aufgaben absichtlich so gross und komplex zu, dass sie unmöglich von einer Person allein gelöst werden können. Verschiedene Disziplinen müssen zwingend ein gemeinsames Ticket von Anfang bis Ende verantworten. Um das verdrängte Bedürfnis nach Gemeinschaft tiefgreifend und nachhaltig zu stillen, etabliert die Führungskraft das Ritual des geteilten Schmerzes. Wenn ein Teammitglied vor einer harten Deadline in Schwierigkeiten gerät, wird die Arbeit der anderen so lange gestoppt, bis der Kollege gemeinsam gerettet ist („Stop starting, start finishing“). Durch das wiederholte, erzwungene Erleben von echter kameradschaftlicher Rettung in der Not heilt die Entfremdung, und aus isolierten Söldnern werden loyale Verbündete.
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